Tobias Engelsing03. Mai 2003 Ein Christ im Dienst der Schule

von Tobias Engelsing, Südkurier 3.5.03

Es gibt Menschen, denen ist es nicht vergönnt, die Früchte ihrer großen Arbeit zu ernten und zu genießen und doch wirkt lange nach, was sie auf den Weg gebracht haben. Der in der Nacht zum 1. Mai überraschend gestorbene Direktor der Evangelischen Internatsschule Schloss Gaienhofen, Lothar Lang (51), war ein besonders profilierter Vertreter einer Schulidee, die dem "erziehenden Unterricht" und der Vermittlung von sozialen Werten verpflichtet ist. Das Verhältnis von Schule und Eltern verstand Lang stets als "Erziehungspartnerschaft", seine pädagogische Arbeit mit Jugendlichen war von strenger Forderung und zuneigender Förderung geprägt.

In den 16 Jahren seiner Tätigkeit, zunächst als stellvertretender Leiter, dann als Direktor, diente Lothar Lang "seiner" Evangelischen Internatsschule Schloss Gaienhofen mit übermächtigem persönlichen Einsatz und unermüdlicher Beharrlichkeit. Am frühen Morgen des ersten Mai ist er ganz plötzlich an den Folgen einer Infektionskrankheit gestorben. Der Verstorbene hinterlässt zwei 17 und 15 Jahre alte Kinder und seine Frau Ilse, die ebenfalls Lehrerin an der Schule ist.

In den vergangenen vier Jahren seiner Leitungstätigkeit vollzog Lothar Lang unter anderem den Übergang der traditionsreichen, 1904 ins Leben gerufenen Internatsschule am Untersee in die neu geschaffene Schulstiftung der Evangelischen Landeskirche. In den Jahren zuvor hatte er verschiedene grundlegende Schulreformprozesse mitinitiiert und im Alltag des 550 Schülerinnen und Schüler zählenden Internatsgymnasiums in freier Trägerschaft verankert. Er engagierte sich zudem in Leitungsgremien des Evangelischen Schulbunds, in der Bezirkssynode und er war Mitglied des Lions-clubs.

Im Jahr 1987 war der gebürtige Hesse mit seiner Familie an den Bodensee gekommen. Am Gaienhofener Gymnasium übernahm der Lehrer für Mathematik, Physik, Informatik und Religion als stellvertretender Schulleiter auch die Organisation des Unterrichtswesens. Doch Lothar Lang war alles andere als ein buchstabentreuer Apparatschik des Stundenplans.

Seine nüchterne Arbeit an Schulentwicklungsplänen, Unterrichtsmodellen, in täglichen Konflikten oder an pädagogischen Reformen bezog sich immer auf die kritisch reflektierte Frage, wie eine vom christlichen Menschenbild geprägte Werteerziehung aussehen müsse in Zeiten der globalen Entfesslung sozial bindungsloser Marktkräfte.

In seiner letzten Abitursrede im Sommer des vergangenen Jahres fasste dieser tief gläubige Naturwissenschaftler die Summe seines pädagogischen Auftrags in drei Überschriften zusammen: Persönlichkeit statt Profilneurose, Toleranz als Tugend, mit anderen wohlwollende Geduld zu haben und Bildung von Sozialkompetenz statt Teilhabe an der Spaßgesellschaft. In einem leidenschaftlichen Appell ermutigte der Direktor die scheidenden Schüler, Fairness und Hilfsbereitschaft, menschliche Verlässlichkeit und Zivilcourage zu pflegen. "Nicht bloß Wissen und Leistung zählen, wichtiger für uns alle ist, Wertschätzung als Person zu erfahren. Für Menschen, die sich angenommen und anerkannt fühlen, ist Leistung und Erfolg eine Zugabe, die motiviert", umriss Lang damals sein Konzept einer werteverbundenen Gesellschaft.

Es mag die Tragik aller Lehrerbiografien sein, dass die leidenschaftlichen pädagogischen Bemühungen - wenn überhaupt - erst lange Jahre nach der Schulzeit von den einstigen Schülern anerkannt und dankbar bekundet werden. Lothar Lang ist mitten aus einer großen, verantwortungsvollen und deshalb auch sehr belastenden Aufgabe gerissen worden. Die Dankbarkeit seiner Schüler, der Weggefährten und Freunde, erreicht ihn nicht mehr, ist ihm aber gewiss. Tobias Engelsing