Tobias Engelsing11. November 2011 Lange vernachlässigt und schließlich geschlossen

Wie sich die badische Landeskirche auf Betreiben ihres Schulreferenten von ihrer Internatsschule Gaienhofen trennte

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat die Verantwortungseliten wiederentdeckt: In ihrem Positionspapier vom Frühjahr bekundet die Kirche in fast reumütigem Ton, gemeinwesensorientierte Eliten aus einem ?falsch verstandenen Egalitarismus? über Jahre aus Kirche und Gemeinde wenn nicht vertrieben, so doch an der Entfaltung im kirchlichen Leben gehindert zu haben. Die Erklärung über die Rolle leistungsbereiter und verantwortungsbewusster Führungsschichten, die ihren ?Reichtum von Gaben, Fähigkeiten und Gütern? einsetzen, ?um für andere Menschen und das Gemeinwesen da zu sein?, will Türen öffnen: Die Eliten in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik sollen sich in der Kirche wieder ?willkommen fühlen?, denn die Kirche brauche ?ihre Anwesenheit, Mithilfe und Strahlkraft?. In guter protestantischer Bildungstradition benennt das Papier ein klassisches Feld der Elitenförderung: das ?evangelische Bildungshandeln? in der Kinder- und Jugendarbeit.

Eine über Jahrzehnte ?strahlkräftige? Bastion solcher evangelischer Bildungs- und Elitenarbeit hat die badische Landeskirche unlängst geräumt: Der Stiftungsrat der Schulstiftung der Landeskirche hat schon im Herbst letzten Jahres beschlossen, den traditionsreichen Internatsbetrieb der seit 105 Jahren bestehenden Internatsschule Schloss Gaienhofen am Bodensee zum Schuljahresende 2012/13 zu schließen. Der energische, wegen seines prägnanten Führungsstils in landeskirchlichen Bildungseinrichtungen gefürchtete Schulreferent der Landeskirche, Christoph Schneider-Harpprecht, war treibende Kraft dieses Abschieds auf Raten. Das Internat werde, so die offizielle Begründung der Landeskirche, wegen angeblich ?unsicherer wirtschaftlicher Perspektiven? und nicht mehr zu rechtfertigender ?Millioneninvestitionen? in die in die Jahre gekommenen Internatsgebäude geschlossen. Künftig soll am einzigartigen Standort auf der Halbinsel Höri, wo schon Hermann Hesse und Otto Dix lebten, rund um das alte Wasserschloss der Konstanzer Bischöfe nur noch ein ?Evangelisches Schulzentrum? mit Gymnasium, Wirtschaftsgymnasium und Realschulzweig weitergeführt werden. Um die nötigen Mittel für Baumaßnahmen für das neue Schulzentrum freizubekommen, will die Kirche bisherige Internatsgebäude gewinnbringend verkaufen.

Das Entsetzen bei Mitarbeitern des Internats und Hunderten Ehemaligen der Altschülervereinigung war groß, als der Stiftungsrat nach einem zunächst rechtlich fehlerhaften ersten Abstimmungsverfahren zum zweiten Mal abstimmte und sich damit von der Internatserziehung trennte. Die Evangelische Landeskirche in Baden wird also 2013 ihr letztes Internat aufgeben. Die ebenfalls zur Schulstiftung gehörende Elisabeth-Thadden-Schule in Heidelberg und das Johann-Sebastian-Bach-Gymnasium in Mannheim hatten ihre Internatsbetriebe schon vor Jahren geschlossen. Als sich eine Initiative von über 600 Ehemaligen und Förderern der Internatsschule im Sommer vergangenen Jahres anbot, Kirche und Schule mit Geld und ehrenamtlicher Fachkompetenz zu helfen, um einen von der Schulstiftung noch in Auftrag gegebenen Masterplan zu verwirklichen, lehnten Kirchenleitung und Stiftung kühl ab. Dabei hatte der Masterplan Gaienhofen gute Marktchancen bescheinigt. Der Vorsitzende des Stiftungsrats, ein renommierter Chefarzt im Nord- badischen, bezeichnete die Hilfsangebote aus dem Kreis der Altschüler gar als ?emotional und politisch gefärbte Störmanöver?, und er verbat sich ?unbotmäßige Einflüsse? auf den Entscheidungsgang seines Stiftungsrats. Viele der Altschüler vermuten, dass die kirchlichen Gremien auch so gereizt reagierten, weil mit dem erhofften hohen Verkaufserlös von Internatsimmobilien am Bodensee möglicherweise Löcher gestopft werden sollen, die bei der millionenteuren und nicht durchfinanzierten Neugründung kirchlicher Schulen (Grundschule in Karlsruhe, Realschule in Freiburg) gerissen wurden.

Einige dieser mit der alten Bildungseinrichtung eng Verbundenen gehören zu jener gemeinwesensorientierten Elite, an die das jüngste Positionspapier der EKD gerichtet ist: Spitzenmanager und Unternehmer, international tätige Bankiers, Mediziner, aber auch Künstler, Musiker, Journalisten und auffällig viele Vertreter sozialer Berufe, die alle der evangelischen Internatspädagogik viel verdanken.

Denn diese Internatsschule war, wie so viele andere kirchliche Internate in Deutschland nach 1945, nie eine exklusive Adresse der Geld- und Abstammungseliten, sondern eine bunte Gemeinschaft mit gewollter starker sozialer Durchmischung. Weil die badische Landeskirche seit der 1946 erfolgten Neugründung des vormaligen Landerziehungsheims und später auch die Altschülervereinigung erhebliche Stipendienmittel zur Verfügung stellten und Preisnachlässe gewährten, lernten an diesem Internat Kinder ganz unter- schiedlicher sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Herkunft, wie ein Gemeinwesen funktionieren kann und worauf es in einem gelingenden Leben ankommt. Sind es wirklich überholte Werte eines zugleich selbstbestimmten und wertegebundenen Lebens, die da verteidigt werden? Werte, die Unternehmersöhne und Diplomaten- töchter ebenso geprägt haben wie den Sohn eines vielreisenden Tanzkapellenmusikers, den Filius eines berühmten Dramatikers oder die Kinder einer badischen Bauernfamilie sowie unzählige Scheidungswaisen aus Familien der berufsgeplagten Mittelschicht. Verantwortungsbewusstsein und Pflichttreue, Zutrauen zu den eigenen Gaben und Zivilcourage im gesellschaftlichen Engagement wurden in Selbstverwaltungsämtern, beim Segeln und Mannschaftsrudern, in Kantorei und Schulfeuerwehr, in sozialen Diensten oder auf der Bühne der Theater AG geübt. Ehemalige, die der Gaienhofener Internatsschule in Aufsichtsgremien, als Stipendiensammler oder als Paten von Arbeitsgemeinschaften erhalten blieben, bemerkten schon seit Jahren einen schleichenden Rückzug der Kirche und eine Aushöhlung des pädagogischen Profils: Projektwochen- enden wurden aufgegeben, der das Internatsleben zusammenhaltende Samstagsunterricht gestrichen, Tagesdienste und verpflichtende Engagements der Schüler im alltäglichen Zusammenleben als heutigen Kindern angeblich nicht mehr zumutbar erlassen. Kehrte unsereiner samstags noch den Internatshof, erfüllte murrend den frühmorgendlichen ?Weckdienst? und schlief im Viererzimmer, wurde der Hinweis auf die prägende Wirkung solcher Erfahrungen von genervten Pädagogen als gänzlich unzeitgemäß zurückgewiesen. Welch enge Binnensicht! Viele erfolgreiche Internate nicht nur im neuerdings bewunderten britischen Privatschulwesen sind zur Idee der Dienste und zu einer bewusst spartanischen Einfachheit zurückgekehrt.

Dass unrentabel gewordene Schulen in freier Trägerschaft geschlossen werden, auch wenn sie einst große Zeiten erlebt hatten, ist ein normaler Vorgang in der freien Marktwirtschaft. Im Fall der Internatsschule Gaienhofen am Bodensee aber offenbarten sich Richtungsentscheidungen, die nicht nur der wirtschaftlich angeblich aussichtslosen Lage, behaupteter fehlender Nachfrage auf dem Internatsmarkt und dem Missmanagement der Schulleitung geschuldet waren: Die badische Landeskirche will einfach keine Internatsschule mehr betreiben. Und deshalb hat sie es jahrelang unterlassen, das pädagogische Profil selbstbewusst zu kommunizieren, geeignetes Personal einzustellen und den baulichen Zustand der Internatshäuser in Schuss zu halten.

Am allerwenigsten aber hat sich die 2002 gegründete Schulstiftung der badischen Landeskirche um die Kundenzielgruppe für Internatsangebote gekümmert, die überzeugende pädagogische Angebote will: die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Leistungselite des Landes, die für ihre Kinder eine ?zweite Heimat? sucht und dafür bereit ist, hart verdientes Geld auszugeben. Auf ihrer Homepage titelt die Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Schulbünde: ?Wenn es evangelische Internate nicht schon gäbe, müssten sie jetzt gegründet werden.? Internate, die sich dem härter werdenden Kampf um interne Schüler gestellt und die ihr schulisches und pädagogisches Konzept auch gegen alle modischen Tendenzen geschärft haben, berichten inzwischen stolz von aus- gebuchten Plätzen und Wartelisten.

In Baden ticken die Uhren anders: Der Schulreferent der dortigen Landeskirche, Christoph Schneider-Harpprecht, hat im Gespräch mit Altschülern der Gaienhofener Schule sogar bekannt, er habe große Vorbehalte gegen die Internatspädagogik: Von der angeblichen Herrschaft der ?Hackordnung?, scheiternden Lebensläufen und Missbrauchsfällen war die Rede. Seine öffentlichen Bekenntnisse zur evangelischen Bildungsarbeit klingen indes viel geschmeidiger: In den kirchlichen Schulen, sagte Schneider-Harpprecht 2011 vor der Landessynode, wolle man ?christlich gebildete Verantwortungsträger für unsere Gesellschaft und für die Kirche erziehen?. Hermann Hesse, der bekanntlich einige Jahre in Gaienhofen lebte, schrieb 1906 über die damals eben er- öffnete Internatsschule: ?Hier gedeiht ein gesundes Leben, dem die Zukunft gehört.? Die badische Landeskirche hat dafür gesorgt, dass sie 2013 endet.

Der Autor leitet die Städtischen Museen Konstanz. Er war viele Jahre Vorstandsmitglied der Altschülervereinigung und Verwaltungsrat im Gaienhofener Internat.

(Frankfurter Allgemeine Zeitung - 10. November 2011)