Diverse Redakteure17. Oktober 2010 Pressespiegel zur Internatsschließung

Die evangelische Landeskirche Baden steht wegen der Schließung des Internats in der Kritik.

So will es die evangelische Landeskirche Baden als Trägerin der Einrichtung und der Stiftungsrat der Schule gab seinen Segen dazu: Geboren 1946, zu Grabe getragen 2013.

Am Sterbebett des Todgeweihten haben sich die Nächsten versammelt und Oberkirchenrat Christoph Schneider-Harpprecht verhält sich wie man's eben tut, wenn jemand sein Leben lässt. Er schweigt. Zuträger flüstern ihm etwas zu, doch der Kirchenmann schließt die Augen und mit verhaltener Geste gibt er zu verstehen: Es ist besser so. Der Kirche fehlt das Geld, die Zahl der Internatsschüler ging in den vergangenen Jahren beständig zurück. Längst hat der Oberkirchenrat den Glauben verloren, dass die Einrichtung zu retten ist. Und die Stiftungsräte nicken. Neun stimmen für das Ende, einer nur ist dagegen.

Draußen vor der Tür nützt aller Protest nichts. Es sind vor allem die ehemaligen Schüler unter der Leitung des Konstanzer Museumsdirektors Tobias Engelsing, die gegen die Schließung des Internats Sturm laufen. Unterstützt werden sie vom Elternbeirat, den Bundestagsabgeordneten Peter Friedrich (SPD), Birgit Homburger (FDP) und Andreas Jung (CDU) sowie dem Konstanzer Landrat Frank Hämmerle. Hunderte Unterschriften gibt es, darunter Persönlichkeiten wie der Schriftsteller Bodo Kirchhoff, und sie bieten etwas, von dem die Kirche in ihrem Alltag entwöhnt ist: aktive Werbung für die Kirche und das Internat, Geld für Stipendien.

Vor allem aber legen die ehemaligen Internatsschüler Zeugnis ab, dass sie ihre Lektion gelernt haben. Welcher Art sie ist, lässt sich nachlesen ? zum Beispiel in den aufwändigen Festschriften des Internats. Es sind Bekenntnisse, dass Kirche Schule machen soll und insbesondere Internate einen wichtigen diakonischen Auftrag an Jugendlichen wahrnehmen. Denn was tun, wenn die Eltern ins Ausland müssen oder nach Deutschland kommen und für die Kinder eine spezielle schulische Betreuung sinnvoll erscheint? Was, wenn familiäre Verhältnisse die schulische Entwicklung beeinträchtigen und ein junges Leben nachhaltig aus der Bahn zu geraten droht?

Alt ist dieser diakonische Ansatz im Schulwesen, bei dem Wissensvermittlung und Persönlichkeitsbildung kombiniert werden. Die Wurzeln reichen von den mittelalterlichen Findelhäusern über die Armenschulen bis hin zu den pietistisch geprägten Anstalten und Stiftungen eines August Herrmann Francke zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Nicht Berechnung liegt diesem Wirken zugrunde, sondern Hilfsbereitschaft und die Hoffnung auf bessere Verhältnisse.

Eine knifflige Aufgabe ? und wie geschaffen für den missionarischen Dienst.

Um das zu verdeutlichen bediente man sich im Internat Gaienhofen zum Beispiel bei Hermann Hesse, dem bekanntesten Literaten der Gemeinde: ?Damit das Mögliche entsteht?, so zitiert ihn Schuldekan Waldemar Matuschek 2006 zum 60-jährigen Bestehen der Einrichtung, ?muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.? Und Udo Beenken, von 1982 bis 1996 in Gaienhofen als Schulleiter tätig, würdigt das Internat Schloss Gaienhofen als Ausnahmeerscheinung in einer ?säkularisierten Moderne?, die ?zur Tagesordnung der Gottesferne übergegangen? ist und ?das Religiöse dem Markt? überlässt.

Vier Jahre später muss das wie Hohn in den Ohren der Internatsbefürworter klingen. Tobias Engelsing beklagt den Siegeszug eines Kirchenfunktionärs, dem die Ökonomie wichtiger als die Diakonie ist: Unter Oberkirchenrat Christoph Schneider-Harpprecht werde die Landeskirche zur Jesus GmbH umgebaut. Er spricht von einem Paradigmenwechsel ? und meint damit nicht nur die Schließung des Internats. Ihn stört der Umgang der Kirche mit den Ihren, die fehlende Transparenz, die Missachtung von Hilfen. Als Gipfel des Zynismus empfindet er das Angebot des Oberkirchenrats, dass die Ehemaligen das Internat übernehmen könnten.

Es ist ein Nachruf, bei dem sich Soll und Haben nicht exakt bilanzieren lassen. Kirchenaustritte sind denkbar, innere Kündigungen so gut wie gewiss und die Politik weiß ebenfalls woran sie ist. Durchaus möglich, dass auch sie vor dem Hintergrund des Ausbaus von Ganztagesschulen zu dem Schluss gekommen wäre, dass das Gaienhofener Internat nicht überlebensfähig ist. Einen Rettungsversuch aber hätte beispielsweise Landrat Hämmerle durchaus unternommen ? etwa wenn teure Heimunterbringungen durch Internatsleistungen günstiger und besser zu haben gewesen wären. Anfragen von der Landeskirche aber gab es nie. Oder um es mit Hesse leicht abgewandelt zu sagen: Sie hat ihr Mögliches nicht getan.