Ehrenvorstand und Vorstand12. September 2010 Schließung des Internats in Gaienhofen

Liebe Ehemalige, Förderer und Freunde der Internatsschule Schloss Gaienhofen,

leider müssen wir Euch heute mitteilen, dass der Stiftungsrat der Evangelischen Schulstiftung in Baden am 9. September 2010 die Schließung des Internats im Schuljahr 2012/13 beschlossen hat. Die Mehrheitsverhältnisse der Abstimmung waren erdrückend: 9 Stimmen waren für die Schließung, der anwesende Gaienhofener Stimmberechtigte, Prof. Dr. Andreas Bertsch, stimmte dagegen, ein weiteres Mitglied, Herr Merkel, befand sich in einer Klinik und konnte nicht vertreten werden.

In seiner Pressemitteilung teilt der Evangelische Oberkirchenrat mit, man habe die Schließung des Internats beschlossen, wolle aber die zusätzliche Gründung einer evangelischen Realschule als Ergänzung des schulischen Angebots in Gaienhofen verfolgen.

Der Vorsitzende der Stiftung, Oberkirchenrat Prof. Dr. Christoph Schneider-Harpprecht, gab als Gründe für die Schließung die nach seiner Überzeugung ?unsicheren wirtschaftlichen Perspektiven? sowie die ?zur Weiterführung des Internats notwendigen Investitionen in Millionenhöhe? an, die eine Weiterführung ?nicht realistisch erscheinen ließen?, wie es in der Pressemeldung heißt.

Zudem hätten ?jahrelange Bemühungen um eine bessere Auslastung des Internats? keinen Erfolg gebracht.

Wir halten, wie Ihr aus unseren Appellen, Analysen und zahllosen Gesprächen mit vielen von Euch wisst, bei aller Klarheit über die wirtschaftliche Lage manche dieser Darstelllungen für unredlich. Aus unserer Wahrnehmung des gesamten Komplexes hat sich die Kirche grundsätzlich von der evangelischen Internatserziehung und damit von einem bisher bedeutsamen Element ihres diakonischen Auftrags verabschiedet. Die knapper werdenden Kirchensteuermittel will die Kirche lieber für Neugründungen vor allem von Grund- und Realschulen in den Ballungszentren Freiburg-Karlsruhe-Heidelberg-Mannheim einsetzen. Für diese Neugründungen werden Mittel in Millionenhöhe bereit gestellt, keine dieser Neugründungen hat ihre Wirtschaftlichkeit bislang nachweisen müssen. Gaienhofen aber, so der Vorsitzende des Stiftungsrats, Prof. Dr. Badenhoop aus Mannheim, in einem über unsere Rettungsversuche und konkreten Hilfsangebote empörten Brief an die Stiftungsräte, sei ein ?Fass ohne Boden?, aus dem ?ohnehin quantitativ zu wenig Wein fließen wird?. Der Umstand, dass Herr Badenhoop selbst Kinder in einer der Schulen der Stiftung hatte, macht seine einseitige Argumentation vielleicht verständlicher, aber keinesfalls zutreffender.

Wir wollen jedoch die Lage in Gaienhofen nicht schön reden. Sie ist ernst, und nicht wenige meinen, es sei eben schon 5 nach 12 gewesen, als wir alarmiert und eingeschaltet wurden: Die Internatsbelegung ist ohne Zweifel völlig unbefriedigend und es wurden seit Jahren Unterlassungssünden etwa in Bezug auf die pädagogischen Konzepte, eine professionelle Vertriebsorganisation und eine kontinuierliche Marktbearbeitung begangen, um nur einige Punkte zu nennen. Doch für diese Defizite tragen auch der Oberkirchenrat und die Stiftung eine Mitverantwortung, die gerade aus unseren Reihen jahrelang auf nötige Zielsetzungen und Maßnahmen hingewiesen, ja geradezu beschworen wurden, aber nahezu jede Initiative in dieser Richtung ausbremsten.

Den nun erhobenen Vorwurf des überwältigenden Investitionsstaus geben wir an die Stiftung zurück: Seit dem Beitritt Gaienhofens zur Stiftung 2002 wurden die damals zugesagten Investitionen zum Bauunterhalt geschoben, der Verwaltungsleiter vertröstet: Gaienhofen komme später dran ? so hieß es immer wieder. Nun, da Gaienhofen dran gewesen wäre, sagt man sinngemäß: Ihr würdet uns viel zu viel Geld kosten im Vergleich zu Euerm nur noch mäßigen Erfolg auf dem deutschen Internatsmarkt.

Gleichwohl handelt die Kirche mit ihrem Schließungsbeschluss gegen die teuren Gutachten, die sie selbst noch vor kurzer Zeit in Auftrag gegeben hat, um Wege in eine wirtschaftlich wieder bessere Zukunft der Internatsschule aufzuzeigen. Uns drängte sich immer mehr der Eindruck auf: Die Ergebnisse und Perspektiven des ?Masterplans? waren politisch nicht willkommen, das Ende des Internats längst beschlossene Sache. Da halfen alle Angebote von Ehemaligen, Eltern und Abgeordneten nichts mehr.

Vor diesem Hintergrund waren auch unsere rechtlichen Einwände gegen das in Teilen erschreckend autokratisch geführte Verfahren im Stiftungsrat letztlich vergeblich: das von Professor Dr. Bertsch beauftragte und von Prof. Dr. Susanne Engelsing, Hochschule Konstanz, vorgelegte Rechtsgutachten wurde von Oberkirchenrat Schneider-Harpprecht pauschal als ?parteiisch? abgetan. Ein auf den immerhin entstandenen Druck hin in Auftrag gegebenes zweites Gutachten einer Freiburger Kanzlei, das dem Gaienhofener Gutachten nicht rundweg wiedersprach, aber eine Rechtfertigung für das Vorgehen lieferte, wurde den Stiftungsräten am Tag der Sitzung nur mündlich erstattet. Wir halten diese Tatsache für eine weitere fragwürdige Vorgehensweise angesichts der Tragweite der zu beschließenden Anträge. Doch auch hier obsiegte die Machtpolitik: die überwältigende Mehrheit des Stiftungsrats billigte diese Umgangsformen, statt sie zu rügen.

Doch auch diese Rechtsfragen überdecken nicht die wahren Verhältnisse: Das Internat Gaienhofen hat wirtschaftliche Probleme und weder die Kirchenleitung noch die Synode stehen noch hinter der 106 Jahre alten Internatstradition am Bodensee.

Man muss erkennen, wann ein Kampf verloren ist.

Wir haben als Ehemalige und Förderer angeboten, was in unserer Macht und Möglichkeit steht und wir haben um eine Chance gebeten. Die Kirche hat diese Angebote jedoch nicht einmal einer schriftlichen Antwort gewürdigt. Der Vorsitzende des Stiftungsrats, Professor Badenhoop, bezeichnete unser Engagement in einem Brief an die Stiftungsräte vielmehr als ?emotional und politisch gefärbte Störmanöver? und er riet dem Gremium in der entlarvenden Herrschaftssprache des 19. Jahrhunderts ausdrücklich, sich von ?unbotmäßigen Einflüssen? frei zu machen.

Das haben sie getan: Die Internats-Schule Schloss Gaienhofen wird es ab 2013 nach dann 109 Jahren nicht mehr geben.

Welche Folgen und satzungsrechtlichen Konsequenzen diese Tatsache für die Zukunft unseres Netzwerkes und unserer internatsbezogenen gemeinnützigen Förderarbeit haben wird, müssen wir sorgfältig prüfen und auf der nächsten Jahreshauptversammlung am 2. Juli 2011 sachlich miteinander beraten.

Nun aber danken wir allen, die uns während der sehr anstrengenden vergangenen sechs Wochen persönliche oder institutionelle Hilfe, finanzielle Mittel und öffentliche Unterstützung angeboten und geleistet haben.

Auf Wiedersehen beim Ehemaligenfest im Sommer 2011!

Herzliche Abschiedsgrüße vom Arbeitsteam der Initiative ?Pro Gaienhofen?

Dr. Tobias Engelsing, Michael Veeser, Michael Blank

Sebastian Barth, Marc Wallschek, Dr. Patrick Cettier

Elfie Cettier

(Geschäftsstelle des Freundes- und Förderkreises der Evangelischen Internatsschule Schloss Gaienhofen. e.V.)