Frank van Bebber10. Juni 2004 Seit 100 Jahren die Schule von morgen

Das evangelische Gymnasium Schloss Gaienhofen war einst Deutschlands erstes Reforminternat

Die Internatsschule Schloss Gaienhofen am Bodensee reformiert seit 1904 den Unterricht. Es gibt Trimester, Sozialpraktika, kleine Klassen. Gerade hat die kirchliche Schule ein neues Fach erfunden.

Von Frank van Bebber

Ein bisschen empört klingt der Abiturient Florian Fladerer, 19: ?Hier wird alles dagegen getan, sich ein exklusives Image aufzubauen." Mit dem Nobelruf anderer Internate will sich die Schule Schloss Gaienhofen am Ufer des Bodensees aber gar nicht messen.

?Der Mensch steht im Mittelpunkt", sagt der Schulleiter Dieter Toder. Er und seine knapp 50 Lehrerkollegen machen statt mit dem Scheckheft mit der Bibel Schule. Es geht nicht um Frömmelei, sie schicken zum Beispiel ihre Elftklässler für zwei Wochen in Altenheime und Krankenhäuser. ?Wir wollen nicht nur auf die glänzende Welt vorbereiten, sondern auch darauf, wenn Menschen in Not sind", sagt Toder.

Seit 58 Jahren betreibt die evangelische Kirche die Internatsschule auf der idyllischen Höri in der Nähe von Radolfzell. Doch die Gaienhofer Schule besteht diesen Mai 100

Jahre. 1904 hatte sie die Landerziehungsheimbewegung als erstes deutsches Reforminternat für Mädchen eröffnet. ?Eine radikal fortschrittliche Bildungsstätte", erinnert man an die Anfänge, ?weg von der strengen Paukschule des deutschen Kaiserreichs hin zu mehr Sport, Gemeinschaftserleben, praktischem Lernen." Diesen Anspruch hat die nun kirchliche Schule bis heute. ?Wir sind bei der Schulentwicklung vornedran", sagt Toder.

In der Unterstufe gibt es ein Schlichterprogramm für Streitfälle. Fünft- und Sechst-klässler besprechen ihre Probleme in Morgenkreisen. Die Schüler der Klassen neun bis elf haben gemeinsam Sportunterricht. Ein eigener Kantor leitet Chor und Orchester. Compu-terraum und Auslandsaustausch sind selbstverständlich. Nach den Aktivitäten am Nachmittag, von Rudern bis Malen, betreuen Lehrer die Schüler bei den Hausaufgaben. Dank einer Mensa ist Ganztagsbetrieb möglich. Vom ADAC trainierte Schüler fahren Mitschüler im Kleinbus herum.

Das Gelände mit Seeblick ist größer als bei staatlichen Schulen, dafür sind die Klassen kleiner, der Schnitt liegt bei 24 Schülern. Statt Halbjahren gibt es Trimester. ?Das heißt, Eltern und Schüler bekommen öfter Rückmeldung", sagt der Schulleiter. Für die

Lehrer bedeutet das mehr Zeugniskonferenzen. Doch solches Engagement wird hier erwartet. Schließlich finanziert die Kirche mehr Stellen als vorgeschrieben.

Das Schulgeld beträgt 100 Euro im Monat, im Internat 1220 Euro. Doch nur 76 der 547 Schüler wohnen im Internat, die übrigen kommen aus der Region. Und die Katholiken sind auf der evangelischen Schule knapp in der Mehrheit. Die Kirche hat Gaienhofen 2002 in eine Stiftung eingebracht, um den Betrieb zu sichern. Oberkirchenrat Michael Trensky von der badischen Landeskirche hält die Schule für ?ein lebendiges Zeichen, dass Kirche Schule machen soll".

Nächstes Jahr will die Schule kirchliche Tradition mit 100 Jahren Reformübung ?verbinden: Sie hat beim Oberschulamt die Erlaubnis für ein von ihr entwickeltes Fach beantragt. In ?Wirtschaft und Verantwortung" sollen Oberstufenschüler etwas über Markt und Moral lernen. Ein Konstanzer FH-Professor für Wirtschaftsethik hat den Lehrplan mitgeschrieben. Und weil man immer noch ein wenig mehr macht, ist Unterrichtssprache Englisch. Eine so reformfreudige Schule sei ?anstrengend für die Schüler", räumt Toder ein, nicht alles finde Beifall, ?aber sie haben auch mehr Möglichkeiten".