Gerd Appenzeller08. Juni 2004 Wer glaubt denn schon an Geister?

Bis auf das Schlossgespenst ist die Internatsschule Gaienhofen am Bodensee ganz von heute

Von Gerd Appenzeller

Warum ich 1955 von Berlin aus in einem Internat am Bodensee gelandet bin? Nun ja, ich war fast ein Einzelkind. Mein kleiner Bruder (Entschuldigung, Keule) ist zwar inzwischen auch 51, aber damals war er eben eins, und ich elf. Da fängt man nicht so extrem viel miteinander an. Gaienhofen, das war von Berlin aus so ziemlich der fernste Punkt auf deutschem Boden. Wenn ich drei Mal im Jahr zu Ostern, Weihnachten und im Sommer nach Hause durfte, war das jeweils eine Weltreise. Vor 50 Jahren wunderte sich aber niemand, wenn elfjährige Kinder alleine 15 Stunden im Zug unterwegs waren und dabei zwei Mal umsteigen mussten.

Eines weiß ich mit Sicherheit: Ich habe darunter nicht gelitten. Ich kann mich nicht erinnern, jemals Heimweh gehabt zu haben. Schließen Sie daraus bitte nicht auf ein defektes Elternhaus, keine Spur davon. Mir hat's im Internat einfach gefallen. Die Gemeinschaft muss gut funktioniert haben, und das ist auch die einzige "Überlebenschance". Wenn es keine Eltern gibt, hinter denen man sich verstecken kann, und keine Lehrer, hinter denen man sich verstecken will, muss man eigene Konfliktlösungsstrategien entwickeln. Man kann sich schließlich nicht dauernd hauen. Heute gibt es dafür in Gaienhofen Mediatoren, Schülerinnen und Schüler, die gelernt haben, wie man Streit schlichtet und einen Interessenausgleich entwickelt. Instinktiv haben wir das damals schon so gemacht. Es hat den Vorteil, dass man schneller erwachsen wird und sich selbst zu organisieren lernt. Wer einmal im Internat gelebt hat, ist nicht mehr elternhaustauglich.

Bei mir waren es acht Jahre, von 1955 bis zum Abitur 1963. Darf ich es da überhaupt noch wagen, über Gaienhofen heute zu schreiben? Ja, denn ich bin zum Beispiel einer der über 900 Ehemaligen, die sich in einem Freundeskreis organisiert haben, für die Schule Spenden sammeln und sich immer noch dafür interessieren, was da läuft. Auch 40 Jahre nach dem Abi.

Es ist eine evangelische Internatsschule. Die Erziehung will ein christliches Menschenbild vermitteln, der Gottesdienstbesuch am Sonntag ist Pflicht, die Mitarbeit der Jugendlichen bei den Andachten unter der Woche gefordert. Die Mehrheit der 547 Schülerinnen und Schüler ist heute katholisch, Gaienhofen liegt aus der Sicht der Protestanten in der Diaspora. 450 Schüler wohnen nicht im Internat, sind also Externe aus der Umgebung. Warum gehen sie nicht auf ein staatliches Gymnasium? Weil es in Gaienhofen kleine Klassen gibt (bis 24 Kinder), am Nachmittag eine Hausaufgabenbetreuung durch Lehrer, und weil es eine moderne, überaus vielfältige Schule ist. Musik, Rudern, Segeln, Reiten, Tennis, Kunst, Feuerwehr, Malteser Hilfsdienst, Fahrdienste der größeren Schüler für die kleineren, soziales Engagement ? das alles macht Gaienhofen ?besonders?. Dazu gehört auch, dass das Schulgelände am Ufer des Bodensees im Frühling, Sommer und Herbst landschaftlich einfach traumhaft schön ist.

?Charakterbildung?, ein altes Prinzip der Landschulheimbewegung wird ernst genommen ? das erste Internat im alten Schloss Gaienhofen wurde 1904 gegründet, auf diese Tradition beruft sich die Schule heute mit Stolz.

Aus manchem könnte man schließen, Gaienhofen sei eine ?Wohlstandslümmelbewahranstalt?, in der die Kinder reicher Eltern dem Abitur entgegen gepampert werden. Aber das war und ist falsch. Zahlreiche Stipendien garantieren, dass diese Schule offen für lernwillige Kinder aus allen sozialen Schichten ist. Der volle Internatspreis von 1220 Euro ist nämlich ein ziemlicher Brocken. Auch Externe zahlen Schulgeld ? 100 Euro pro Monat.

Bildung im klassischen Sinne ist selbstverständlich. Und das strenge baden-württembergische Zentralabitur gilt auch in Gaienhofen ? beides lässt Faulenzern keine Chance. Neben Sprachen und Naturwissenschaften haben die Lehrplangestalter die Ökonomie im Blick: Ein Kursus ?Verantwortung und Wirtschaft? läuft bilingual in Deutsch und Englisch.

Das einzige an Gaienhofen, was nicht auf der Höhe der Zeit ist, dürfte das Schlossgespenst sein. Aber wo das seinen Geheimgang hat, wissen eh nur wir ?Alten?.

Gerd Appenzeller, 61, besuchte von 1955 bis 1963 das Internat Gaienhofen am Bodensee. Heute ist er der Redaktionsdirektor des Tagesspiegels